Rehrücken, die Geschichte mit dem dicken Ende

Rehrücken mit Klösen an Birne-Preiselbeer - Foto © stadtrabe Rehrücken mit Klößen an Birne-Preiselbeer – dieser Rücken war kein Entzücken!

 Es trug sich zu, dass es mal wieder weihnachtete, sogar in Berlin. Da wir 2009 als freie Kultur-Journalisten nicht mit der großen Finanzwelt mithalten konnten, sah es in der Adventszeit mal wieder recht mau aus. Die Feuilletons der Zeitungen waren auf eine, in manchen Blättern auf zwei Seiten, zusammengeschrumpft, und davon wurden fast zwei drittel mit Werbungen gefüllt. Die öffentlich-rechtlichen Radioanstalten hatten zudem auch noch die großartigen Kultursendungen gegen Musikgedudel aus den 70ern, 80ern und 90ern ersetzt und viele Kollegen strömten in die Arbeitslosigkeit. Dies war die Entscheidung im Internet ‚liveundlustig.de‘, als Plattform für Kabarett, Comedy und schrägem Liedgut zu gründen. Die Entwicklungsarbeit war umfangreich und viel. Leider wusste derzeit noch niemand genau, wie man damit Geld verdienen kann.

Wenn man es sich schon nicht leisten kann teure Juwelen und Diamanten zu schenken, sollte doch das Essen für den 1. Weihnachtsfeiertag etwas besonderes sein. Ich erinnere mich gerne zurück, wenn mein Stiefvater, der mich auch oft auf die Jagd mitgenommen hatte, an eben diesem besonderen Tag am Kachelofen in einem über 300 Jahre altem Waldhäusle stand und einen fulminanten Rehrücken zubereitete.

Jetzt hatte es sich zugetragen, das just in der Marheineke Markthalle, da, wo im glühenden Stadtsommer, Tonnen von Eiskugeln die vorbeiziehenden Horden erquicken, sich ein Mann, spezialisiert auf Wildbret, für die kalte Jahreszeit eingerichtet hatte. Während meinen Hunderunden war ich schon das ein und andermal dort außen vor verweilt und betrachtete sein Treiben. Als ich wieder so in mir spekulierend da herumstand, trat er aus der Tür und lud mich ein eine Wildjuice zu probieren. Ich nahm an. Hervorragend war der Geschmack, es mundete und duftete vom Feinsten. Bei der nächsten Runde überredete ich meine Frau doch mit zugehen, ich hätte da eine tolle Entdeckung gemacht. Sie kam mit, ob aus Neugierde, oder nur weil sie mich liebt und nicht meine Euphorie im Keim ersticken wollte, weiß ich bis heute nicht. Bruno, der Dicke Bruno, so stellte er sich ihr vor und gab wieder eine runde seines köstlichen Wildjuice aus. Bis auf unsere Hunde, waren alle begeistert. Meister Bruno erzählte von den befreundeten Jägern aus dem Brandenburgischen, und dass er ein kleines Kontingent an frischen Rehrücken zu erwarten hatte. Nach kurzer Absprache und Preisverhandlung, bestellten wir uns eine dieser Raritäten vor. Mit unseren letzten Kreuzern leisteten wir eine Anzahlung, hoffend, dass wir, wenn die Lieferung kommt, wieder flüssig seien.

Da jeder, der sich mit Wildbret oder nur frisch Geschlachtetem auskennt, weiß, dass ein so edles Fleisch erst seine Reife nach einer gewissen Zeit, die es abhängen muss, erreicht, war klar, es gehe sich genau aus, diese Delikatesse als Weihnachtshighlight zu kredenzen. Wir verließen den Meister. Die nächsten Tage verbrachte die Dame des Hauses damit zu, die besten Rezepte zu googlen und in ihren hervorragenden Kochbüchern zu recherchieren. Ich versuchte mich meinerseits an die Kniffe und Tricks zu erinnern, die mein Stiefvater anwandte. um eben einen perfekten Gaumenschmaus zu bereiten.

Aufgeregt gingen wir am späten Nachmittag des 24. Dezembers zu unserem Freund Bruno, um das angezahlte, ersehnte Stück Wild gegen unsere letzten Penunzen zu tauschen. Es gelang und der Heimweg war schon ein Fest. Wir malten uns aus, wie wir jetzt unser Rezept an diesem wunderbaren Rehteil anwenden würden und wie feierlich jetzt doch noch unser Weihnachten werden sollte. Sogar einen einfachen, trockenen Rotwein hatten wir uns noch leisten können. Wir waren stolz. Der Heilige Abend plätscherte so dahin und meist fingen sich Gedanken und Gespräche am Rehrücken und der Frage ob wir dies so formidabel hinbekämen, wie wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausmalten.

Voller Aufregung begaben wir uns am nächsten Tag ans Werk. Alles gelang wie gedacht und besprochen. Der große Augenblick war da! Der etwas merkwürdig riechende, aber hervorragend aussehende Braten stand am Tisch und wurde Scheibenweise auf die Teller drapiert. Dann gab es einige bescheidene Beilagen und je ein Glas Rotwein. Wir stießen feierlich an und stürzten uns gemäßigt aufs Essen. Jeder nahm einen Bissen in den Mund und sah wohlwollend den anderen an. Nicht abgesprochenen, verzog es unsere feierlichen Gesichter zu entgleisenden Fratzen. Im hohen Bogen spukte ich das Fleisch aus, während meine Partnerin es etwas eleganter, mit Hilfe der Gabel, auf den Festteller zurück expedierte. Es war total verdorben. Mahlzeit.

Es war kein Fehler der Zubereitung, aber Nunnichtmehrfreund Bruno, hatte das Stück Rehrücken ordentlich in Folie vakuumiert erhalten und es ohne es herauszunehmen in seinem Schrank verstaut. Ich war auch erstaunt, als wir es abholten, dass es noch in so einer Folie war, dachte aber, er habe es erneut eingeschweißt wegen der Hygiene – leider hatte er es nur unten hineingelegt und dann vergessen.

Tja, am Land wäre das nicht passiert. Immerhin kann man so noch behaupten eine riesige Überraschung an Weihnachten erlebt zuhaben.

S/W Ver: 96.66.71R

Wir tranken erst das Kochbier, dann den Wein, aßen die spärlichen Beilagen, fanden noch paar alte Chips und setzten uns an unsere Hausbar.

Ich mixte einen Daiquiri  für die Lady und selbst genoss ich einen Whiskey Sour. Als krönenden Abschluß gönnten wir uns zwei Fingerbreit aus der halbvollen, schon seit Ewigkeiten aufgesparten Whiskypulle. Dazu klangen aus den Lautsprechern alte Tom Waits Songs. Es gelang uns die Missere des schlechten Rehrückens durch gute Drinks wettzumachen. Alles in allem war es noch ein sehr schöner, friedlicher Weihnachtsabend geworden.

Bruno betrieb mittlerweile in der Markthalle ein Lokal als „Dicker Bruno“ und es lief recht gut an, wie ich beim vorbeilaufen sah. Obwohl er immer freundlich war, beschloss ich, dort niemals einen Fuß über diese Schwelle zusetzen. Seit Anfang 2016 ist das Gasthaus geschlossen und eine neue Bewirtschaftung versucht ihr Glück. Bleibt zu hoffen, dass er nicht gesundheitsbedingt schließen musste. Ich vermute er hat sich übernommen, denn ein Gastronom war er nun mal nicht. Vielleicht waren wir halt nicht die Einzigen, die unter seiner Schusseligkeit Leid erfuhren.

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