Massenmord in Münster – ein Tatortbericht

Tatort MünsterKlar, gibt es eine Menge Themen, die mich mehr beschäftigen als eine Fernsehenkritik. Aber ich finde es total bezeichnend für unsere derzeitige Wesensart, was da am Sonntag, nach großer Ankündigung auf Spiegel.de uns um 20 Uhr 15 in der ARD präsentiert wurde.
Auch klar ist, dass nicht jeder Tatort ein Hit ist – für ‚zig Tausend GEZ-Euros produzierte Tatorte liegen als Sendeleichen auf Halde – schade um unser Geld. Ebenso, konnte ich mir noch nie erklären in welchem Verhältnis Einschaltquoten mit Qualität zu verstehen sind – Neugierde ist logisch.
Was ist den WDR-Verantwortlichen eigentlich durch den Schädel mutiert, dass wir diesen Mist kredenzt bekamen? Ein Erfolgsrezept komplett zerstört, genial aufgebaute Filmfiguren total misshandelt und derangiert.
Drehbuchautor Orkun Ertener und Regisseur Lars Jessen mögen ja gerne als tolle Kreative gehipt werden, aber mit „Die chinesische Prinzessin“, sind sie auf einen Zug aufgesprungen, der wohl eindeutig zu schnell war. Anstelle einen Bandwagon Effekt zu erzielen, sind sie mal eben unter die Räder gekommen.
Die Dialoge waren so was von schwach bis Schwachsinnig, die Handlung an Plattfußzehen herbei gezogen. Als Thiel sagte: „Buch? Ach so, das Buch!“ fragte ich mich, ob er nicht das Drehbuch meinte.
Eine schöne Szene war, als die junge Kollegin Nadeshda Krusenstern Kommissar Thiel auslachte, weil er ihr zu verstehen gab, dass er dachte sie hätten letzte Nacht besoffen etwas miteinander gehabt. So herrlich fiese Lache – und dann nur kurz danach – Nadeshda: „Chef, dachten Sie ich hätte Sie etwa ausgelacht? … nein, Sie sind doch … labber bla, bla.“ Klasse, mit schwülstigen Entschuldigungen Szene zerstört!!! Jeder entschuldigte sich bei jedem!

Die Marke Münster-Tatort, hatte schon öfter mal schwache Handlungen, aber die Stärke waren immer die unumstößlichen Dialoge zwischen den Figuren. Bissig, unkorrekt, dreist, missmutig, schwarzhumorig und vor allem selbsttragend! Hier nutzte die beste Schauspielkunst nichts, um diese ‚wir-sind-ja-alle-eigentlich-lieb-zu-einander-bullschizophronie‘ zu vermitteln. Nur in wenigen Szenen konnte man den alten ‚Boerner und Thiel Geist‘ erleben. Da merkte man, dass der Drehbuchschreiber sich selbst an den früheren Figuren zurück orientierte. (Beispiel Lagertorszene – kurz, platt, knackig)
Logisch spielen Schauspieler die Rollen die ihnen vorgegeben werden und wenn es Serien sind, setzen sie die Akzente der entwickelten Filmfiguren treffend ein. Bei diesem Tatort konnte man jedoch richtig beobachten, dass sich das Prodagonistenstammteam alles andere als wohl und sicher fühlte. Vielseitige und erfahrene Darsteller wie Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die sogar bei den Werbespots einer japanischen Autofirma jedes mal den ‚Thiel und Boerner Effekt‘ auf den Punkt bringen, empfand ich in den meisten Filmausschnitten als unglaubwürdig und orientierungslos.
Und dann:
Was für ein Highlight! In China werden Menschenrechtsverletzungen begangen!
Woher wussten die Tatortmacher denn diese böse Information. Etwa aus dem Klischeehandbuch der Tagesschau? – Eine Zuschauerverletzungen, dass ist der Tatort „Die chinesische Prinzessin“ auf jeden Fall gewesen.
Unbesehen die Schnitt- und Anschlussfehler, eine Folge der typischen Überproduktion, weil man ja so tief in der Materie ist und noch eine Szene mehr zur Verständigung für den Betrachter jenseits, vor der heimischen Glotze, erzeugen will. Und, Upps ist das Gesamtkunstwerk zu lang. Dann wird eben gekürzt! Nicht immer leicht, aber damit kann ich leben. – Jedoch, die plumpen Erklärungsdialoge für uns angeblich unterbelichteten Fernsehenkreatins, empfand ich schon als sehr frech.
Als eine ebenso dummdreiste Idee empfand ich diese Leichenteilfledderei in Boerners Institut der chinesischen Aktionskünstlerin Songma, die im Nihilismus aufgeht und nach den Eingeweiden lechzt und dem Herzen fingert. Armer Herr Liefers, geben Sie doch nächstes mal das Drehbuch dem Karl-Friedrich zur Obduktion und lassen sie sich bescheinigen ob die Schöpfer solcher sexy Werke nicht schon hirnamputiert sind.
Der inkontinente Stil hielt linientreu konsequent bis zum Schluss contenancelos durch. Als am Ende dann Boerner seine Stellvertreterin Albrich, zwischenmenschlich ins tiefste Mark gerührt – Frau Haller nennt – war der Vogel absolut abgeschossen!

Wenn es einen derartigen weiteren Münster-Tatort geben sollte, möchte ich meine tiefste Trauer den hinterhältig durch Meuchelmord aus dem Filmleben gerissenen Betroffenen aussprechen und wende mich traurig und erschüttert zugleich an die verbliebenen Freunde des Münster-Tatort.

Liebe Trauergemeinde,
Wenn die Rolling Stones nach jedem Konzert das Genre gewechselt hätten,
würde kein Mensch heute wissen wer diese Band ist.
Wenn Mercedes Benz Gänseblümchen anstelle von Waffen vertreiben würde,
wenn Angela Merkel anstatt ihres vollsten Vertrauens auszusprechen, Altenativen als
Lösungen entwickelte und die Kirche aus der Limburger Residenz ein
Asylantenwohnheim gestalten täte, dann würden wir verschüchtert und
beängstigt über die Schwierigkeiten in diesem Land nachdenken.
Wenn man uns aber den Münster-Tatort zerstört, wird die größte Fernsehkriese
eingeleitet und wir, die einfachen Leute, den Boykott bis zur Weltrevolution antreiben.
In diesem Sinne trauern wir um:
Professor der Rechtsmedizin Dr. Karl-Friedrich Boerne
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel
Stellvertreterin Rechtsmedizin Silke Haller (Albrich)
Assistentin Morddezernat Nadeshda Krusenstern
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm
Revoluzzer und Taxifahrer Herbert Thiel

Viel zu früh wurden sie aus unserem Sonntagabend gerissen!

Wir danken den Geistern, die diese wunderbaren Charaktere erschufen
und hoffen, das im Fernsehen wenigstens die Reinkarnation noch funktioniert.

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