Hepatitis C

HepatitisC - can kill you - Grafik von Carlo Wanka

vom STADTRABEN

Zweimal Hölle und zurück hat er durchgemacht. Sein Geschäft verloren, da ihm die Kredite von heute auf morgen gekündigt wurden. Die Insolvenz folgte und alles in dieser miesen Verfassung.
Er weiß nicht einmal wie es begann. War es die Bluttransfusion ende der 80er oder das Mini Tattoo anfangs der 90er? Eines war es aber garantiert nicht – ein dreckiges Spritzenbesteck, denn Drogen, außer Alkohol und Zigaretten nahm er nie. Ebenso hurte er auch nicht rum.
Bis 2006 schlummerten die Vieren in seinem Körper, und er kann von Glück reden, dass er zwei gesunde Töchter in dieser Zeit zeugte. Als der Stress in seiner Firma zu groß wurde, da brach die Krankheit aus. Er klappte zusammen. Burnout war der Zeit in aller Munde und jeder hatte es. Obwohl es ins Bild passte, hatte er keinen. Schlapp und kraftlos fühlte er sich, wollte überhaupt nicht mehr zur Arbeit gehen. Doch er musste, denn es war ja sein Laden. Ohne seine Arbeitskraft war kein Gewinn zu erzielen. Immer öfter sprang seine Partnerin für ihn ein. Er wollte nicht, aber dann ging er doch zum Arzt. Blutbild etc. wurde überprüft. Oh, die Leberwerte, das sah nicht gut aus, also weiter zum Facharzt ins Virchow im Wedding. Wenige Tage später war es sicher, keine vom Alkoholkonsum verursachte Fettleber oder dergleichen, nein: Hepatitis C.
Ihm war gar nicht bewußt, was dies bedeutete, er nahm es hin als hätte der Arzt Grippe festgestellt. Im Laufe des Gesprächs wurde jedoch auch ihm klar, dass es sich hier um eine ernsthafte, tödliche Erkrankung handelte. Allein die hohe Anzahl der Vieren-Population, im Millionenbereich, schockten ihn. Dazu die Erläuterung, dass er nun beim Gesundheitsamt gemeldet werden muss. All dies setzte ihm, wie ein Dampfhammer der unermüdlich auf den Amboss schlägt, in seinem Kopf zu. Es half nichts, eine Therapie war nun ein Muss und seine einzige Hoffnung. Immerhin gab es eine Überlebenschance von 25-30%.
Das Geschäft umzustrukturieren, sich beiden Frauen anvertrauen, der Ex und der jetzigen, den Kindern erklären dass sie sich untersuchen lassen müssen – Horror.
Aber letztendlich führte kein Weg daran vorbei. Eine Woche später flatterte ein Brief der Volks- und Raiffeisenbank ins Büro. Ohne Angaben von Gründen hatte man den Kredit, von noch 25 Tausend Euro gekündigt und zur Zurückzahlung eine Frist von zwei Wochen gesetzt. Es war nicht nachvollziehbar warum sie es taten, waren doch alle Rückzahlungsvereinbarungen immer peinlichst genau eingehalten worden.
Er vermutete, dass das wie auch immer – und vor allem nicht erlaubt – mit der Meldung der schweren Erkrankung beim Gesundheitsamt in Verbindung stand. Es war auch kein Banker bereit zu einem Gespräch.
Erst jetzt erfuhr er, wie schlecht unser ach so gelobter Sozialstaat funktioniert, wenn man in der Krise steckt. Zu der fiesen Erkrankung verlor er alles was er sich einst aufgebaut hatte. Bank und Brauereien behielten die Lebensversicherungen, die sicherheitsübereigneten Einrichtungen usw.. Es war ein Trauerspiel und obwohl seine Bar schon seit einigen Jahren zu den zehn Besten in der Stadt gehörte, konnte er keinen Gewinn beim schnellen Verkauf erzielen. Man nahm ihn aus wie eine Weihnachtsganz, man nutzte gnadenlos seine Ohnmacht. Ein Tornado zerstörte blitzartig seine Welt und riss alles in ein großes schwarzes Loch, einschließlich ihm.
Er lernte regelmässig seine Tabletten zu nehmen und sich selbst seine Spritzen ins Bauchfett zu jagen. Auch der Ernährungsplan wurde drastisch umgestellt. Alles was ihm Gaumenfreuden und Genuss bereitete verschwand.
Eines Tages fragte ihn sein Arzt, ob er an einer Studie teilnehmen könnte, die zur Zeit in der letzten Phase sei, und aus der ein wesentlich besseres, sicheres und verträglicheres Medikament gegen Hepatitis C hervorgehen würde. Er sagte zu, denn ihm war bewusst, dass dies vielleicht seine letzte gute Tat für die Menschheit sein könne.
Mit der Zeit wurde er immer hagerer und schwächer, es schien ihm zuzusetzen. Statt einer Verbesserung, verschlimmerte sich sein Zustand kolossal. Den Gang aufs Klo, den er sich nicht nehmen lies um das letzte seiner Würde zu waren, dauerte fast eine Stunde, wovon die hälfte der Zeit für die Strecke von sechs Metern drauf ging. Bei seinem letzten Spaziergang der Monate lang zurück lag, hatte ihn seine Partnerin nur unter vollstem Körpereinsatz wieder in den vierten Stock gebracht – ohne Fahrstuhl. Eines morgens griff er sich in seine schönen langen Lockenhaare und hatte sie danach einfach in der Hand. Die Glatze konnte er als Mann natürlich wesentlich besser tragen als betroffene Frauen. Der Arzt hatte ihm verschwiegen welche harte Zeit noch auf ihn zu kommen werde, denn nicht die Krankheit, die vermaledeiten unabdingbaren Nebenwirkungen der Medizin waren das Problem. Ein halbes Jahr lag er nun nur noch auf der Couch, röchelte vor sich hin. Seine, ihn pflegende Partnerin, schaute jeden morgen vorsichtig, ob er überhaupt noch lebte. Irgendwann war der Zustand so kritisch, dass der Arzt die Therapie absetzen musste. Obwohl der Vierenbefall schier gegen Null gesunken war, musste ein sofortiger Stopp vollzogen werden, da er ansonsten allein an den Reaktionen der Nebenwirkungen verstorben wäre. Schnell breiteten sich diese unerbittlichen Zerstörer wieder aus. Aus welchen Beweggründen auch immer, kam seine Freundin auf die Idee ihn mit all den Tieren in ihren Landsitz zu transportieren. Heimlich, ohne das er etwas mitbekam, was gar nicht so schwer war, da er nur noch komatös herumlag, hatte sie alles Notwendige ins Auto gepackt und ebenso die Tiere. Dann weckte sie ihn und erklärte liebevoll und einfühlsam, dass er nur einmal die Treppen hinuntergehen müsse. Er gehorchte instinktiv. Sie bugsierte ihn auf den Beifahrersitz, schnallte ihn an und fuhr los. Er bekam nichts wirklich mit und döste weiter. Als sie jedoch die Autobahn nach einigen Stunden verließen, er die Gegend erkannte began er zu singen und wurde immer klarer. Sie hatte ihn gerettet. Damit war zwar das Elend noch nicht behoben, doch so ging es ihm wesentlich besser und er konnte vor allem auf der Terrasse zum Garten an der frischen Luft sitzen und den Tieren zusehen. Sie freute es, als er körperlich wieder zulegte. Auch seine schlechte Laune und seine plötzlichen unkontrollierbaren Wutausbrüche ebneten langsam ab.
Lieber noch drei bis sieben Jahre mit dieser Krankheit leben als jetzt so elend vor die Hunde zugehen war die Devise. Laut Arzt und der gängigen Lehrmeinung könne man eventuell frühestens nach vier Jahren eine erneute Therapie versuchen. Ein merkwürdiger Trost für einen Todgeweihten. Zumal, wenn man von einer Sache betroffen ist oder in einer Thematik involviert wurde, erfährt man plötzlich zwangsläufig, auch von außen, Dinge die damit zu tun haben. In dem Fall meist Todesfälle von ebenfalls Betroffenen aus dem riesigen Bekanntenkreis..
Sein Körper regenerierte sich zwar äußerlich, jedoch die inneren Schäden und Unpässlichkeiten blieben stur erhalten. Ach das von Placken und tieferen Narben zerschundene Hautbild, wollte nicht verheilen. Als sie wieder in Berlin waren, sah man ihn bei größter Hitze nur vermummt bis zum Hals herumlaufen, wenn er überhaupt vor die Tür trat. Auch hatte sich keiner der Freunde in dieser Phase seines Lebens je blicken lassen. Seine Mutter half ihm mit Nichten, war sie ja beschäftigt überall herumzuziehen und ihr Leid zu klagen, dass sie, die Ärmste aller Armen nun auch noch einen todkranken Sohn habe. Er hätte auch nicht seine Bar verlieren müssen, wäre sie bereit gewesen, aus dem ihm noch zustehendem Erbe der Großeltern, den Kredit auszulösen. Aber sie lebte als egozentrischer Mensch, verhielt sich seit seiner Kindheit ihm gegen über unbegreiflich mies und starb letztendlich als schlechter Mensch.
Nachdem die vier Jahre der Medikamentenquarantäne abgelaufen waren ging er erneut zum Arzt um eine Wiederaufnahme der Behandlung zu erwirken. Doch sein Arzt riet ihm ab, da er ihn nicht mit der neuen verbesserten Medizin heilen könne, sondern ihn mit der selben, wie bei der ersten Behandlung, voll pumpen müsse. Diese tragische Erfahrung wolle er nicht erneut riskieren. Doch Widerstand und Entschlossenheit knallten ihm entgegen und so begann der zweite Tripp.
Es war der ähnliche Ritt, aber es gab einen immensen Vorteil. Diesmal wußten alle Beteiligten, was auf sie zukommen werde und so ließen sich einige Hürden im Vorfeld schon umgehen und auch auf die eskalierenden Wutausbrüche war man gefasst und konnte ihre Vorboten erkennen oder gar die treibenden Situationen entschärfen. Außerdem wurde ihm ein weiteres Zusatzpräparat verabreicht, welches den Vieren schon im Blut die Ernährungsgrundlage entzog. Tonnenweise Nüsse glaubt er in dieser Zeit gegessen zuhaben um den vorgeschriebenen Fetthaushalt aufrechtzuerhalten. Doch dann war es egal was er aß, denn auf einmal schmeckte alles wie Scheiße und es war ein einziges Heruntergewürge um zu überleben. Es dauerte seine Zeit und diesmal versagte auch der Körper nicht so heftig wie damals. Er war so vom Willen es zu schaffen beseelt, dass er es auch schaffte. Die Freude war riesig, als auch der dritte Nachbefund bestätigte, dass sein Körper ab jetzt zu 100% Vierenfrei sei. In den folgenden vier Jahren regenerierten sich allmählich seine in Leidenschaft gezogenen Körperfunktionen und vor nicht einmal einer Woche, sieben Jahre später, sind seine bis dato für immer taubgehaltenen Fussballen und Zehen wieder voll funktionstüchtig. Dass war das beste Geschenk zum neuen Jahr.
Er hat es geschafft und ist wieder fleißig unterwegs, hat wie jeder, der eine solche Phase durchmacht, sehr an seiner Lebenseinstellung geschraubt.
Zum Schluss das Beste: Seine Partnerin ist ihm nicht davon gelaufen, obwohl dies nur verständlich gewesen wäre.

Hepatitis C - Foto © stadtrabe Hepatitis C tut nicht einmal weh, aber die Therapie ist ein Höllentrip für alle …

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